"Iron Will"
Im März 1978 gewinnt Dick Mackey das Iditarod. Nach über vierzehn Tagen auf der 1.650 Kilometer langen Rennstrecke lief sein Hundeteam eine Sekunde vor dem Schlitten Rick Swensons ins Ziel.
         Dieses Ereignis aus dem fernen Alaska stand damals auf der ersten Seite der Celleschen Zeitung. William Kleedehn aus Bostel weiß das noch wie heute. Sein Vater kam in die Küche und sie fragten sich, was das wohl für Leute sein müssen, die mit ihren Hunden solche Rennen fahren. Er war achtzehn Jahre alt und kam gerade aus dem Krankenhaus. Ein Auto hatte den Mopedfahrer überfahren. In Folge des Unfalls wurde sein linker Unterschenkel amputiert.
         Fast drei Jahrzehnte später in Carcross, einem kleinen Ort am South Klondike Highway im Yukon, steht Kleedehn in seiner Küche und macht Tee. In Kanada ist es Samstag Morgen und gleich kann man live die Bundesliga im Internet verfolgen. An einem der Holzbalken in dem geräumigen Blockhaus hängt eine Hannover 96 Fahne und nicht weit davon ein Ölbild der Lüneburger Heide.
         Es ist hell geworden. Das Thermometer zeigt -37° Celsius und Kleedehn lacht beim Holz hacken. Er ist gerne draußen. Den ganzen Tag in einem Büro könnte er nicht arbeiten. "Ich muss eben an die frische Luft." Mit Schwerbehinderung hatte er sich für einen solchen Job in Deutschland wenig Chancen ausgerechnet. 1981 ging er nach Kanada. Wenn er keine Rennen fährt, vermietet er Blockhütten und veranstaltet Touren. Kontakte in die alte Heimat hat er noch. Meist übers Telefon, ab und zu besuchen ihn alte Freunde.
         Die Hunde stehen draußen bei ihren Hütten. Die Welpen und Jährlinge stecken einem neugierig ihre Nase durchs Gitter entgegen. Seit 23 Jahren fährt Kleedehn sehr erfolgreich Hundeschlitten-Rennen. Wie die meisten Musher züchtet er seine Hunde selbst. "LImp-A-Long Kennel", heißt sein Zwinger, aber die Hunde humpeln nicht. Ungefähr sechzig Alaska-Huskies sind es wohl. Der Alaska-Husky entstammt Polarhunden, die mit Jagd- und Windhunden gekreuzt, eigens für Schlittenrennen gezüchtet werden. Es gibt viele Hunde, die schnell sind und gut ziehen können, aber nicht mit dem Wetter klar kommen, sagt Kleedehn. Er achtet auf die Herkunft der Hunde und ob ihre Eltern erfolgreich bei Rennen waren. Sie müssen bei guter Gesundheit sein und wenn sie länger laufen - bei einem Rennen bis zu 200 Kilometer an einem Tag -, auch gut essen und schlafen.
         Sein Leithund Bandito fuhr schon zwanzig Rennen, davon fünfmal das Langstreckenrennen Yukon Quest. Mit ihm hat er mehr Probleme das Team zu bremsen, als es anzutreiben, sagt Kleedehn stolz.
         Im Januar starten er und sein Team beim Copper Basin. Dort ist er eigentlich immer unter den ersten drei und hält seit 2004 auch den Streckenrekord. Das Rennen geht über dreihundert Meilen und findet ca. vier Wochen vor dem Yukon Quest statt. Das Yukon Quest nennt man nicht umsonst das härteste Rennen der Welt. Bei Temperaturen bis -50° Celsius fahren die Musher mit Gespannen bis zu vierzehn Hunden eine Strecke, deren Rekord bei 10 Tagen und 16 Stunden liegt. Kleedehn machen die arktischen Temperaturen nichts aus. Als Mitteleuropäer kommt man damit gut zurecht, meint er. Allerdings können manche Streckenabschnitte plötzlich wetterbedingt katastrophal werden. Das ist wie bei Sturm auf dem Segelschiff, man kann nicht einfach nach Hause gehen. William mag maritime Vergleiche. Wenn man ihn fragt, wie er trotz seines Handicaps so erfolgreich Rennen fährt, sagt er, es sei eben ein Schlittenhunde- und kein Musher-Rennen. Er ist nur der Kapitän. Er muss ruhig bleiben und die Nerven bewahren, laufen müssen die Hunde. Der Team-Geist ist ihm wichtig.
         Aber der Sport hat für ihn auch besondere Härten. Bei scharfen Kurven, die man mitunter um einen Baum oder Eisblock machen muss, kann er nicht wie die anderen vom Schlitten springen, sondern bremst durch kontrollierten Zusammenstoss. Fünfzig Prozent der Kerben auf den Bäumen entlang des Trails seien von seinen Schlittenkufen. Das wissen die anderen Musher auch. Sein Team würde zwar unter diesen Rhythmusstörungen leiden, aber er könne es nicht schöner machen. Beim Yukon Quest 2004 hatte er bei einer Steilabfahrt einen Unfall. Die Prothese brach das Bein, weil das Kniegelenk nicht voll beweglich ist, erklärt er. Iron Will nennen sie ihn auch. Besondere Ausrüstung hat er nicht. Er fährt einen Schlitten, wie ihn die meisten Musher fahren. Da braucht man keine exotischen Ersatzteile und kann auch mal den Konkurrenten um Hilfe bitten. Seinen Parka hat er 1990 gebraucht gekauft. Die Sachen müssen robust sein, einfach und praktikabel. Beim Rennen ist das Wichtigste das Hundefutter. Während des Yukon Quest wird mit Hilfe eines kleinen Kochers Schnee erhitzt und darin das Futter erwärmt. Er selbst isst dann gerne Bockwürste. Gewinnen ist nicht das Wichtigste für ihn. Dafür würde sich die ganze Arbeit nicht lohnen. Wenn man den Trail entlang fährt, den andere mühsam vorbereitet haben, ist es einfach eine schöne Art durch den Yukon zu reisen - wie Urlaub eben. Er hat schon früh gelernt, dass man sich keine Gedanken zu machen braucht, um Dinge, die nicht zu ändern sind, sondern sich besser auf die Sachen konzentriert, die man ändern kann. Wenn seine Hunde fit und Schwanz wedelnd im Ziel einlaufen, freut er sich. Manche Sieger-Teams sehen dagegen so erschöpft aus, als könnten sie keine Meile mehr gehen.
         Nach Deutschland zurück zu gehen, kann er sich nicht vorstellen. Im Yukon geht es ruhiger zu und die Menschen sind flexibler. Man ist entfernt von großen Einkaufszentren, hat einen anderen Standard und wenn es etwas mal nicht gibt, dann wird gewartet. Ob man in Celle oder Whitehorse im Altersheim sitzt, ist egal, meint Kleedehn. Aber die Gesprächsthemen wären bei den unterschiedlichen Lebenserfahrungen eben andere. Am 10. Februar 2007 startet William Kleedehn wieder beim Yukon Quest. Tausend Meilen durch Schnee und Eis geht die Strecke von Whitehorse/Yukon nach Fairbanks/Alaska. In den letzten beiden Jahren lag er nur knapp hinter dem Sieger Lance Mackey, dessen Vater Dick 1978 das Iditarod gewann.

Erschienen am 27.12.2006 in der Celleschen Zeitung © Marion Koob, 2006